Sammlung: Fähigkeitsdimensionen in der Partizipationskultur

Fähigkeitsdimensionen in der Partizipationskultur I

LEITFRAGE: Inwiefern können Fähigkeitsdimensionen im Fachunterricht geschult werden?

Fähigkeitsdimensionen der Partizipationskultur

(Details)

Defintionen nach Jenkins

  • Networking
  • Alternative Identitäten ausprobieren
  • spielerisches Lernen
  • Multitasking
  • Kollektive Intelligenz
  • Transmediale Navigation
  • sich Austauschen/ Aushandeln

 

zu den Definitionen

Jenkins, Henry

  • *4.Juni 1958, Atlanta
  • Leiter des Lehrstuhls für "Communication, Journalism, Cinematic Arts and Education" an der University of Southern California
  • war Direktor des Comparative Media Studies Program am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Inhaber der Peter-de-Florez-Professur für Geisteswissenschaften
  • Autor und Herausgeber von mehreren Büchern über die verschiedenen Aspekte der Medien- und Populärkultur

 

Blog Henry Jenkins

Henry Jenkins on Participatory Culture

Was ist Literalität?

„Der Löwe konnte nicht schreiben. Aber das störte den Löwen nicht, denn er konnte brüllen und Zähne zeigen. Und mehr brauchte der Löwe nicht. Eines Tages traf der Löwe eine Löwin. Die Löwin las in einem Buch und war sehr schön. Der Löwe ging los und wollte sie küssen. Aber dann blieb er stehen und dachte nach. Eine Löwin, die liest, ist eine Dame. Und einer Dame schreibt man Briefe. Bevor man sie küsst.“ (Martin Baltscheit : Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte)

Für den Begriff der Literalität gibt es kein deutsches Wort. Im übertragenen Sinne bedeutet der Terminus die Fähigkeit, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über Sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potential weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ (Baumert et al. 2001, S.23)
Nach Bertschi-Kaufmann und Rosebrock wird der Begriff Literalität auf das Individuum bezogen. Hierbei steht vor allem die gesellschaftliche Teilhabe im Vordergrund, die durch den Umgang mit Sprache und Schrift hergestellt werden kann. Im letzten Jahrhundert können wir vor allem im Bereich der Medien einen rasanten Wandel feststellen (Vgl. Groeben / Christmann, S. 86). Dieser kulturelle und mediale Wandel bedeutet auch eine neue Auseinandersetzung mit dem Begriff der Literalität. Auch im Hinblick auf die Inklusion muss die Fähigkeit der Schriftsprache als unabdingbare Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe überdacht werden.
Aussage Henry Jenkins: „The new literacies almost all involve social skills developed through collaboration and net-working. These skills build on the foundation of traditional literacy and research, technical, and critical-analysis skills learned in the classroom.“ (https://mitpress.mit.edu/sites/default/files/titles/free_download/9780262513623_Confronting_the_Challenges.pdf)

Quellen / Links:

Groeben, Norbert/Christmann, Ursula (2013): Literalität im kulturellen Wandel. In: Bertschi-Kaufmann, Andrea/ Rosebrock, Cornelia (Hgg.): Literalität erfassen: bildungspolitisch,kulturell, individuell. Weinheim/ München, S. 86-96.

Jenkins, Henry (2009): Confronting the challenges of participatory culture. Cambridge, MA. https://mitpress.mit.edu/sites/default/files/titles/free_download/9780262513623_Confronting_the_Challenges.pdf

http://www.baltscheit.de/pdf/Der_Loewe_Kopie.pdf

 

weiterführende Links:
Zeitschrift für Inklusion: ANDREA PLATTE - "Alle Kinder lernen lesen…?!"Inklusive Didaktik und Schriftspracherwerb

ANDREA BERTSCHI-KAUFMANN - „Also während dem Lesen bin ich eigentlich wie weg.“ Wenn Heranwachsende ihre Literalität entwickeln

Denkanstöße

Frage: Sind die Kulturtechniken Lesen und Schreiben zwingend notwendig für die Nutzung von Medien und somit für die gesellschaftliche Partizipation?

Vielseitig adaptives Denken

nach Jenkins:

  • die Fähigkeit, „mediale Technologien entsprechen ihrer unterschiedlichen Leistungsfähigkeit einzusetzen und zu nutzen“


Im Deutschunterricht in der Grundschule ist das Lernen im und über den Medienverbund direkt im Lehrplan vorgesehen. (vgl. Lehrplan Deutsch S. 22)
Schon immer waren Medien Teil des Deutschunterrichts. Jetzt, wo neue Medien hinzukommen, müssen natürlich auch diese ihren Platz im Deutschunterricht finden. (vgl. Frederking/Krommer 2013, S. 112)
Im Lernbereich Lesen/Mit Medien umgehen wird dies explizit festgehalten. Die SchülerInnen sollen dazu ausgewählte Textsorten kennenlernen. Dabei geht es sowohl um literarische Texte, als auch um auditive und audiovisuelle Texte. (vgl. Lehrplan Deutsch S.22)
An dieser Stelle findet sich auch ein Verweis auf die Medienkompetenz, die hier im Medienverbund gefördert werden soll.
Frederking und Krommer betonen hierzu unter Bezugnahme auf Wermke allerdings noch, dass für einen medienintegrativen Deutschunterricht entscheidend ist, dass nicht mehr nur das Buch alleine den Literaturunterricht bestimmen muss und die anderen Medien als Folgemedien zu betrachten sind. Hier soll die Denkrichtung auch mal umgekehrt werden, sodass auch das Printmedium mal als Folgemedium auftritt. (vgl. Frederking/Krommer, S. 113)

Klaus Maiwald fragt nach der Relevanz von Medienverbünden im Literaturunterricht und führt dazu aus: "Eine wichtige Aufgabe stellen einmal Medienvergleiche dar. Wichtig sind diese, weil für die Nutzer innerhalb von Medienverbünden Differenzen offenbar zusehends verschwimmen. Das heißt, die Geschichten werden losgelöst von ihren medialen Kodierungen und im Kontinuum einer einheitlichen multimedialen Unterhaltungskultur wahrgenommen." (Maiwald/Josting 2007, S. 44)

Das fliegende Klassenzimmer im Medienvergleich
Ein solcher Deutschunterricht kann also zum Beispiel über eine solche Herangehensweise das vielseitig adaptive Denken der SchülerInnen fördern.

 

Quellenangabe

Frederking, Volker/Krommer, Axel (2013): Mediale Bildung im symmedialen Deutschunterricht. In: PirnerManfred L.  /  PfeifferWolfgang / Uphues Rainer (Hrsg.): Medienbildung in schulischen KontextenErziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven. Unter Mitarbeit von Andrea Roth. Schriftenreihe Medienpädagogik interdisziplinär, Band 9, München, S. 107-128.

Josting, Petra/Maiwald, Klaus (2007): Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund. Grundlagen, Beispiele und Ansätze für den Deutschunterricht. München: kopaed.

Rosebrock, C./ Bertschi-Kaufmann, A. (2013): Literalität erfassen: bildungspolitisch, kulturell, individuell. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Lehrplan Grundschule Deutsch (Sachsen)

 

Quellenangabe

  • Rosebrock, C./ Bertschi-Kaufmann, A. (2013): Literalität erfassen: bildungspolitisch, kulturell, individuell. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Kritische Urteilskraft

Nach Jenkins: 

  • Glaubwürdigkeit der vielfältigen Informationsquellen hinterfragen
  • Ergebnisse von kollektiver Intelligenz (kritisch) abschätzen

Eine zukunftsorientierte Konzeption der Literalität muss die Dynamiken des modernen medialen Wandels berücksichtigen. In Bezug auf einen sozio-kulturellen Wandel erschöpft sie sich dabei nicht in einer rein deskriptiven Analyse und Rekonstruktion von Trends, sondern sollte sich gleichermaßen durch eine präskriptive Zielexplikation konstituieren. Die Vorstellung einer solchen normativen Ausrichtung des sozio-kulturellen Wandel der Medien ist die Voraussetzung für didaktisches Handeln und Denken und verweist letztlich im schulischen Kontext auf die Beeinflussbarkeit von Lernprozessen (vgl. Rosebrock et al. 2003, S. 86-87).

Für das Fach Ethik bedeutet dies, dass der Unterricht eine Medialität als Signatur unserer Gegenwart begreift, da die Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler medial verfasst sind (vgl. Rath et al. 2013, S. 326). Das didaktische Ziel des Ethikunterrichts muss es deshalb sein, den Schülerinnen und Schülern die Medialität in Bezug auf ihr eigenes Werten und Urteilen zu verdeutlichen. Eine Ethikdidaktik sollte demnach auch eine Medienkompetenz mit einer Medienkritik fokussieren. Diese Medienkompetenz besitzt eine normative Relevanz, da normative Aspekte medialer Produktionen und deren Rezeption geklärt werden sollten. D. h. Medien auf ihre Inhalte, ihre Funktion und Wirkungsweisen zu beurteilen. Die Schülerinnen und Schüler sollen so das den Medien inhärente Wertangebot verstehen und hinterfragen.  Auf diesem Weg wird durch den kompetenten und kritischen Umgang mit Medien die Werturteilskompetenz der Schülerinnen und Schüler gestärkt (vgl. ebd., S. 328-329)

Der Ethikunterricht vermittelt ein Orientierungswissen, welches Schülerinnen und Schüler brauchen um eine Werturteilskompetenz selbstständig ausbilden zu können. Teil dieses Prozesses ist es, die normativen Aspekte der Medienproduktion und Rezeption zu analysieren. Wenn ein medial transportiertes Wertangebot nicht einfach übernommen werden soll, bedarf es einer Reflexion. So kann es sukzessive zu einer Ausbildung einer Werturteilskompetenz als Teil einer Medienkompetenz kommen. (vgl. ebd., S. 329). 

Fähigkeit, Medien sinnvoll neu zu kombinieren

Die dritte Fähigkeitsdimension in der Partizipationskultur entspricht nach Jenkins in etwa dem Modell des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts (Vgl. Groeben / Christmann, S. 90). Im Bereich der Literatur sind hierbei Lesen und Schreiben, Rezeption und Produktion, Analyse und Synthese sowie Geschichts- und Aktualitätsbewusstsein von großer Bedeutung. Hiebei stellt sich wieder die Frage, inwiefern Lesen und Schreiben im Kontext der Medienpädagogik notwendige Grundlagen darstellen.
Im Zeitalter einer „Schule für Alle“ muss inklusive Medienbildung umgesetzt werden, „die niemanden ausschließt und unter - schiedliche Bedarfe sowie Formen von Benachteiligung oder Beeinträchtigung von vornherein mitdenkt.“ (Bosse, 2012, S. 7)
Die Gleichstellung der Menschen mit Behinderung ist von großer Bedeutung, also muss Barrierefreiheit auch im medialen Kontext umgesetzt werden.

Die Nutzung und Kombination verschiedener Medien und Technologien spielen vor allem in heterogenen Lerngruppen eine übergeordnete Rolle. Es werden Medien benötigt, die sich den individuellen Bedürfnissen der Schüler und Schülerinnen anpassen. So gibt es z.B. inzwischen Tablets für Blinde und Sehbehinderte Menschen mit Braille- und Sprachausgabe, für gehörlose Menschen mit Spracherkennung, automatischer Untertitelung und / oder Gebärdenerkennung. Diese Technologien erleichtern den Unterricht und den Medieneinsatz enorm. Des weiteren steigern diese Ausdrucksmöglichkeiten die Selbstwirksamkeit der Schüler und Schülerinnen.
z.B: Krankenhaus im Saarland: interaktive Whiteboards: SuS können an Unterricht teilnehmen, auch wenn die physisch nicht anwesend sind (Kommentar- und Chatfunktion, Inhalte per Mail etc.)
Inhalte im inklusiven Unterricht müssen also so angeboten und kombiniert werden, dass alle Schüler und SchülerInnen darauf zugreifen können (einfach Sprache, Videos mit Untertiteln etc.). Hierbei sind die Lehrkräfte gefragt, sich ständig mit neuen Technologien und Möglichkeiten der Medienpädagogik auseinanderzusetzen.

Quellenangabe

Groeben, Norbert/Christmann, Ursula (2013): Literalität im kulturellen Wandel. In: Bertschi-Kaufmann, Andrea/ Rosebrock, Cornelia (Hgg.): Literalität erfassen: bildungspolitisch,kulturell, individuell. Weinheim/ München, S. 86-96.

Medienbildung im Zeitalter der Inklusion